RÜCKTRITT: Thomas Lurz steigt aus – Ein Blick nach vorn und zurück

RÜCKTRITT: Thomas Lurz steigt aus – Ein Blick nach vorn und zurück

THOMAS LURZ_by_benjamin krohn_1MAINPOST – Lurz beendet seine Schwimm-Karriere und widmet sich dem Leben an Land. Dort möchte der 35-Jährige in Zukunft ähnlich erfolgreich sein wie im Wasser. Ein Blick zurück und nach vorn.

Wer den Weg ins Vorstandszimmer des SV 05 Würzburg sucht, kommt an Thomas Lurz nicht vorbei. Schon am Treppenaufgang lächelt er einem entgegen. Bilder an der Wand erzählen von Momenten des Sieges. Deutsche Meisterschaften. Weltmeisterschaften. Eine Galerie des Glücks. Aber es ist ein gerahmter Schein. Die Qualen hinter den Leistungen zeigen die Fotos nicht. In einer Saison absolvierte der Schwimmer Thomas Lurz etwa 100 Rennkilometer – trainiert hat er dafür im Wasser des Wolfgang-Adami-Bades bis zu 3500 Kilometer. Jahr um Jahr ging das so. Jeder Armzug harte Arbeit. Kaum eine Sportart ist so trainingsintensiv wie das Schwimmen. „Auf dem Sofa ist noch keiner Weltmeister geworden“, hat Thomas Lurz einmal auf die Frage geantwortet, warum er selbst am Heiligen Abend trainiert, und vielleicht hat kein Satz in seiner langen Karriere das Wesen des Ausnahmesportlers besser beschrieben als dieser. Und jetzt? Jetzt ist es vorbei.

THomas_Lurz_Obermeier/MAINPOST

Es ist 14.30 Uhr an einem Donnerstag, und eigentlich sollte Thomas Lurz im Kraftraum sein. Muskeltraining. Gymnastik. Aufwärmen für die nachmittägliche Einheit im Wasser. Aber Lurz trägt Businessschuhe, Jeans, Pullover mit V-Ausschnitt und sitzt im Vorstandszimmer seines Vereins. Durch ein geöffnetes Fenster dringt die Frische des Frühlings, und fast scheint es so, als könne Thomas Lurz erstmals seit vielen Jahren wieder frei atmen. „Ich habe beschlossen, meine Karriere sofort zu beenden.“ Schon die WM im Sommer in Kasan wird er nicht mehr schwimmen. Er sagt das ruhig, bestimmt. Kein Wölkchen von Wehmut hängt in diesem Raum. Dennoch ist es ein Satz mit Wucht.

Thomas Lurz ist einer der erfolgreichsten Schwimmer in der deutschen Sportgeschichte. In seiner Domäne, dem Freiwasserschwimmen, gibt es weltweit keinen vergleichbaren Athleten. Die Liste der Erfolge aber war auch ein Fluch für ihn, denn Siege wurden erwartet, wurden selbstverständlich – und von Medien und Öffentlichkeit irgendwann nur noch abgeheftet wie bezahlte Rechnungen. Wenn einer mit einem Wok einen Eiskanal runterrutscht, „dann bekommt das mehr Aufmerksamkeit als ein WM-Titel im Schwimmen“, sagt Lurz. „Eigentlich ist das ein Witz.“ Er benutzt das Wörtchen eigentlich, weil er ja weiß, dass die Gesellschaft nun mal so tickt. „Wenn ein deutscher Sportler mit solch einer Vita zurücktritt, müsste der nicht ins ,Aktuelle Sportstudio‘ eingeladen werden?“

Olympische Medaille Thomas LurzEs ist eine rhetorische Frage, die Lurz da stellt. Er wird das nicht mehr ändern, aber seine Erfolge, an die muss erinnert werden, jetzt, da es zu Ende ist: Der 35-Jährige gewann 27 deutsche Meisterschaften, holte fünf EM-Titel, siegte zwölfmal bei Weltmeisterschaften und bei Olympischen Spielen schwamm Lurz in Peking zu Bronze (2008) und in London zu Silber (2012). Im Freiwasser hat der Schlaks bei deutschen Meisterschaften nie ein Rennen verloren. Nie. Er ist Träger des Silbernen Lorbeerblattes und sechsmal zum Weltschwimmer des Jahres im Freiwasser gewählt worden. Ein Sportlerleben verdichtet auf ein paar Zahlen. Seit 2001, seit seiner ersten Teilnahme im japanischen Fukuoka an einer WM, ist Thomas Lurz etwa 47500 Trainingskilometer geschwommen. Mehr als einmal um die Welt.

Es war 2013 nach seinem Sieg im brutalen 25-Kilometer-Rennen bei der WM in Barcelona, als Thomas Lurz auf dem Siegerpodest stand und dachte: „Das war?!“ Als erstem Schwimmer war es ihm gelungen, in jeder Freiwasserdisziplin einen WM-Titel gewonnen zu haben, und als er nach Hause kam, las er in der „Main-Post“ über seinen Coup die Überschrift: Die Vollendung. „Es stimmte, und es wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, um zurückzutreten“, sagt Lurz. Aber 2014 lockte die Heim-EM in Berlin, und dann ist da ja auch noch Rio de Janeiro 2016. Olympia-Gold ist der wirklich letzte Titel, der ihm noch fehlt. Aber fehlt für wen? „Für mein Talent, habe ich das Optimale aus meiner Karriere gemacht. Ich bin nie geschwommen, weil mir das Schwimmen Spaß macht. Ich bin geschwommen, weil ich gewinnen wollte.“

Karriere_Thomas Lurz_SchwimmenDas war schon 1986 so, als Klein-Thomas mit sieben Jahren in Stuttgart bei einem Nachwuchsschwimmfest sein erstes Rennen absolvierte und eine Medaille geschenkt bekam. „Deshalb bin dabei geblieben“, sagt er mit einem Lächeln. Er war kein Ästhet im Wasser, dafür ein Wettkämpfer mit Herz wie es kaum einen gab im deutschen Schwimmsport. Seine Stilistik hieß Wille. „Wenn ich Adrenalin spüre, spüre ich Glück“. Zwar habe er das Unternehmen Rio tatsächlich angehen wollen, aber über den Jahreswechsel reifte in ihm die Erkenntnis, „dass ich meinen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden kann“. Es ging ihm ja nie ums Teilnehmen, es ging immer nur ums Gewinnen. Die Dreifachbelastung aus Beruf, Familie und Hochleistungssport sei immer schwieriger geworden, so Stefan Lurz. „Als Bundestrainer bin ich traurig, weil wir einen Leitwolf und ein Vorbild verlieren. Als Bruder bin ich dankbar für die Zeit, die ich mit ihm arbeiten durfte. Er ist ein außergewöhnlicher Sportler.“

Auch mit Michael Ilgner, dem früheren Nullfünfer und heutigen Chef der Deutschen Sporthilfe, hat sich Thomas Lurz beraten. Wenn Ilgner über Lurz spricht, fallen Worte wie Wertschätzung, Professionalität und Respekt. Nicht zu hören, aber zu spüren ist ein anderes Wort: Bewunderung. „Er hat im Schwimmen alles erreicht“, sagt Ilgner, „und jetzt muss er den nächsten Schritt tun und sich im Berufsleben etablieren. Es ist der richtige Zeitpunkt.“ Thomas Lurz sagt, er möchte seine Karriere nicht auströpfeln lassen im Niemandsland. Er hat genug in trüben Gewässern rund um den Globus gefischt, ist geschwommen zwischen Holzpaletten, Quallen und, ja, auch toten Kühen, die in Flüssen trieben. „Ich habe die Situation ehrlich analysiert“, sagt er, „und dann entschieden.“ Jetzt sitzt er hier, die Hände gefaltet, und es ist zu spüren: Da ist einer im Reinen mit sich.

WM2013-Thomas-Lurz-by-Benjamin-Lau-2Wenn er zurückblickt, dann nur, um zu danken: „Meinen Eltern, die mich immer unterstützt haben, meinem Bruder Stefan und dem Verein SV 05, der mir Weltklasse-Trainingsbedingungen geboten hat.“ Auch seit der Vater eines einjährigen Sohnes nicht mehr im Elternhaus wohnt, ist er nach jedem Morgentraining zu Mutter Renate nach Gerbrunn gefahren und hat gefrühstückt. Brötchen, Wurst, Kissinger, Nutella. Das volle Programm. Er wird das ein wenig vermissen, sagt er, aber auch, dass er künftig mehr auf die Ernährung wird achten müssen. Bislang verbrauchte er an einem normalen Trainingstag 3000 bis 4000 Kalorien.

Was bleibt? Zwei Berge. Einer aus Medaillen und Pokalen daheim in Gerbrunn in seinem Kinderzimmer. Einer aus Erinnerungen in seinem Kopf. Viele davon an den Vater. Dessen Geburtsdatum hat er sich auf den linken Bizeps tätowieren lassen, den rechten zieren die Olympiaringe. Papa Peter war Präsident des SV 05, er war ein leidenschaftlicher Streiter für den Sport. Er starb 2007 bei einem Radausflug in der Rhön, und Thomas Lurz kommt ihr letzter gemeinsamer Wettkampf wenige Tage davor in den Sinn: Es war ein Einladungswettkampf an der Ostsee, vor Warnemünde wurden acht Schwimmer mit einem Militärboot weit hinaus auf die See gefahren. Wer zuerst das Ziel erreicht, sollte 5000 Dollar gewinnen. „Mein Vater begleitete mich auf einem Boot. Es war raues Wasser, und ich dachte, wir kommen nie an.“ Immer wieder schrie der Sohn: „Wie weit noch?“ Peter Lurz gab stets die gleiche Antwort: „Nimmer weit, Bub, nimmer weit.“ Thomas Lurz fluchte, und gewann.

Dem Schwimmen, sagt der diplomierte Sozialpädagoge, habe er alles zu verdanken. „Es war das Beste, was mir passieren konnte. Schwimmen ist eine Schule für das Leben. Du haderst, du zweifelst, du quälst dich, und rennst doch immer wieder ins Bad.“ Er hofft, dass nun, nach seinem Rücktritt, Würzburger Teamkollegen wie Leonie Beck, Sören Meißner oder Ruwen Straub mehr Beachtung finden: „Sie haben beste Chancen für Rio und sind jetzt schon Weltklasse, sie hätten es verdient.“

Motivationsvortrag_Thomas LurzAngekommen an Land, freut sich der Schwimmer auf sein neues, sein zweites Leben. „Vergangenheit ist schön“, sagt er, „aber wichtig ist die Zukunft.“ Beim Rottendorfer Modeunternehmen hat er in Firmenchef Bernd Freier einen zuverlässigen Förderer gefunden, der Lurz die Möglichkeit gibt, im Unternehmen als Sportbotschafter seine Führungsqualitäten einzubringen. Auch mit seinen viel beachteten Vorträgen über Motivation hat sich der Athlet bundesweit einen Namen gemacht. Beides möchte er ausbauen. „Ich kann es mir mit 35 Jahren nicht leisten, nicht an die Zeit nach der Sportkarriere zu denken.“ Seine Disziplin, sein Ehrgeiz sollen ihm dabei helfen: „Im Schwimmen wollte ich 20 Jahre lang der Beste der Welt sein, da kann ich nicht in einem Beruf arbeiten, bei dem es egal ist, ob ich da bin oder nicht.“

Vielleicht wird er auch lernen, das Leben mehr zu genießen als bisher. Der Sport hat ihn auf alle Kontinente geführt, zahllose Länder hat er bereist, auch dafür ist er dankbar. Aber künftig möchte er auch etwas sehen von der Welt, und nicht nur im Tunnel des Wettkämpfers um die Erde jetten. Gerne würde er in den Himalaya reisen zum Mount Everest. Ein Hausbau für die Familie steht an. Auch dem Sport will er treu bleiben: Im Deutschen Schwimm-Verband könnte er sich eine Aufgabe vorstellen, mit Präsidentin Christa Thiel hat er bereits gesprochen. Zusammengekommen sind sie noch nicht: „Ich bin erfolgsorientiert.“ Es wird nicht langweilig werden im Leben des ewig Besessenen. Das steht fest.

Thomas Lurz schaut auf die Uhr. Zweieinhalb Stunden sind vergangen. Ein Schwimmerleben im Zeitraffer. Er müsste jetzt schon längst im Wasser sein. Er lächelt. Ein Handschlag. Dann steigt er ins Auto und fährt zu seiner Lebensgefährtin und seinem Kind.

Lurz' Karriere in Zahlen
  • 27 deutsche Meistertitel
  • 5 EM-Titel
  • 12 WM-Titel (Rekord)
  • 12 WM-Teilnahmen
  • 3 Olympiateilnahmen (2004, 2008, 2012)
  • 1 x Olympia-Bronze (2008)
  • 1 x Olympia-Silber (2012)
  • 33 internationale Medaillen
  • 3 Weltcup-Gesamtsiege (2009, 2011, 2013)
  • 14 Jahre im Nationalteam
  • 6 x Weltschwimmer des Jahres im Freiwasser

Quelle: MAINPOST / Autor: Achim Muth